Als der niederländische Historiker Rutger Bregman im November und Dezember 2025 die BBC Reith Lectures hielt, folgte er einer klassischen Predigtstruktur: Erst die schonungslose Diagnose (Misery), dann der Weg zur Erlösung (Redemption), schließlich die Verpflichtung zur Dankbarkeit (Thankfulness). Nach drei Vorträgen über die Dekadenz westlicher Eliten, die Geschichte der Abolitionisten und die strategischen Lehren der Fabian Society mündet seine Vorlesungsreihe in einem vierten Vortrag, der konkrete Utopien skizziert und existenzielle Fragen an das heutige Zeitalter stellt. Dieser abschließende Teil, „Fighting for Humanity in the Age of the Machine“, ist zugleich der radikalste Vortrag der Reith Lectures im Jahr 2025.
Noch nichts über die Weihnachtstage geplant? Statt sich das 34. Mal "Last Christmas" anzuhören, könnte auch ein spannender neuer Podcast entdeckt werden. Meine Empfehlung sind die Reith-Lectures der BBC unter: https://www.bbc.co.uk/programmes/b00729d9/episodes/downloads.
In diesem Artikel fasse ich die Thesen des letzten Vortrags zusammen und versuche zu reflektieren. Wer den einführenden Text oder den Mittelteil lesen möchte, kann das gerne auf dieser Webseite nachholen. Das perfekte Material um am Weihnachtstisch andere Gedanken anzustoßen.
„Three passions, simple but overwhelmingly strong have governed my life. The longing for love, the search for knowlegde and unbearable pity for the suffering of mankind. These passions like great winds have blown me hither and tither in a wayward course over a great ocean on anguish reaching the very verge of despair.“
Bertrand Russell
Um eine Utopie zu skizzieren, erfordert zunächst alte Annahmen niederzulegen. Davon gibt es mehrere, die Bregman explizit macht. Die wirtschaftswissenschaftliche Erzählung, dass nur der Markt Innovationen hervorbringen könne, sei mittlerweile auch empirisch widerlegt. Tatsächlich entstammen die meisten bahnbrechenden Technologien staatlicher Forschungsförderung: Touchscreens, GPS, das Internet, mRNA-Impfstoffe. Der Staat ist nicht nur Regulator, sondern primäre Grundlage für Innovation. Wenn öffentliche Investitionen die Grundlage für privaten Wohlstand legen, dann ist die Frage nach „zu hohen Staatsausgaben“ falsch gestellt. Stattdessen sollten wir fragen, wofür ein Staat Geld ausgeben sollte und wer profitiert von Staatsausgaben tatsächlich.
Eine Vielzahl der aktuellen Probleme entstehen nicht aus Knappheit um materiell eng begrenzte Ressourcen, sondern resultieren auf künstlich erzeugten Engpässen. Ebenso wie der Staat durch Ausgaben die Grundlage für privaten Wohlstand legt, ist seine Bürokratie aufgebaut, um durch Engpässe kapitalistischen Profit zu erzeugen. Restriktive Bebauungspläne sind ein Beispiel dafür, wie in westlichen Städten der Bau von Wohnraum verzögert wird. Die Folge sind explodierende Mieten und eine ganze Generation, die sich Wohneigentum nicht mehr leisten kann. Dies ist keine natürliche Knappheit, sondern eine politisch gewollte. Ebenso sind die Genehmigungsverfahren für den Ausbau erneuerbarer Energie in die Länge gezogen. Solche „Bottlenecks“ müssen dereguliert werden, nicht aus marktideologischen Gründen, sondern um gesellschaftliche Wohlfahrt zu erhöhen. Damit stellt Bregman die Widersprüchlichkeit der neoliberalen Ideologie heraus. Neoliberale fordern Deregulierung dort, wo sie Konzerninteressen dient (Arbeitsrecht, Umweltschutz), aber verteidigen Regulierung dort, wo sie Knappheit und damit Profite sichert (Wohnraum, Patente, Lizenzen). In dieser unverkennbaren Ironie liegt die Wurzel aktueller Regressionsprozesse.
Steuergerechtigkeit: Abundance statt Austerität
Ein zentraler Punkt in Bregmans Reformagenda ist ein faires und simples Steuersystem. Er bezieht sich auf Thomas Piketty, der für seine Einkommens- und Vermögensforschung weltbekannt ist. Dass Kapitaleinkommen niedriger besteuert werden als Lohneinkommen sei moralisch nicht zu rechtfertigen und ökonomisch sogar schädlich. Konkret fordert der Niederländer automatische Vermögenserfassung von Banken an Steuerbehörden, internationale Bekämpfung von Steueroasen und eine progressive Vermögenssteuer. Die technischen Instrumente existieren bereits. Was fehle, ist der politische Wille.
Eine der elegantesten Argumentationen Bregmans bezieht sich auf den Baumol-Effekt. Der Ökonom William Baumol stellte in den 1960er Jahren fest, dass in Sektoren, in denen intensiver menschlicher Austausch gefordert ist, wie in der Bildung und der Gesundheitsversorgung, sinken die Kosten langsamer als in Waren-orientierten Branchen. Dieser, als „Baumol’s Cost Disease“ bezeichneter Effekt, wurde häufig als Problem betrachtet. Doch Bregman dreht diese Interpretation um. Dass öffentliche Ausgaben für Bildung und Gesundheit wachsen, ist normal, gut und zu erwarten. Es ist kein Zeichen von Ineffizienz, sondern Ausdruck dessen, dass wir mehr Ressourcen in menschenzentrierte Dienstleistungen investieren, was eine zivilisatorische Errungenschaft darstellt. Die Gesellschaft als Überflussgesellschaft wahrzunehmen bedeute, Wohlstand nicht als materielle Akkumulation zu verstehen, sondern als gesellschaftliche Kapazität zur Fürsorge. Utopien sind finanzierbar; die Behauptung, sie seien „zu teuer“, ist eine politische Entscheidung, kein ökonomisches Gesetz. So koste Management und Policing von Armut und Wohnungslosigkeit mehr, als diese Probleme durch durch sozialen Wohnungsbau und Grundsicherung direkt zu lösen.
Die einzelnen Forderungen von Bregman kommen nicht revolutionär daher, in ihrer Gesamtheit erhalten sie jedoch einen utopischen Charakter. Doch reicht das, um eine utopische Erzählung zu bilden, die Menschen begeistert? Die Ideen alleine genügen nicht, sie müssen institutionalisiert und organisiert werden. Bregman betont die Notwendigkeit von Netzwerken, Geldgebern und dauerhaften Strukturen. Es reicht nicht, die Massengesellschaft zu aktivieren; Bewegungen sterben, wenn sie keine nachhaltige Organisationsform finden.
Die Gefahr der Entmenschlichung
Sinn?
Vor diesem Hintergrund kommt der Historiker von seinen konkreten Vorschlägen wieder auf die Abstraktion zurück. Bregman schlägt vor, dass die Disziplin der Geschichte Fragen behandeln kann, die sonst der Theologie vorbehalten waren: Was macht ein gutes Leben aus? Wohin gehen wir als Spezies? Was ist unser Zweck? Bregmans Schlusssatz ist ein Aufruf. „Der Kampf um das Heilige ist der definierende Kampf unserer Zeit“. Mit „dem Heiligen“ meint er menschliche Würde, Wahlfreiheit, Gemeinschaft, Intimität. Der Begriff ist beim niederländischen Historiker also trotz seines religiösen Hintergrunds nicht transzendent aufgeladen, sondern humanistisch. Es geht um die Verteidigung dessen, was uns zu Menschen macht: die Fähigkeit zu lieben, zu wählen, zu reflektieren, in echten (nicht algorithmisch kuratierten) Gemeinschaften zu leben. Es ist ein Kampf, der in der Tradition aller moralischen Revolutionen steht: gegen Entmenschlichung, für Solidarität.
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