„A small group can change the world, indeed, its the only thing that ever did.“
Margaret Mead
Bregman beginnt seinen zweiten Vortrag mit einem historischen Konvergenzpunkt: 1917 herrschte in Petrograd kein revolutionärer Eifer, sondern Apathie. Diese Apathie, so seine These, ermöglichte erst den Weg zur Tyrannei. Die Parallele zur Gegenwart ist eindeutig: Die Gefahr des Faschismus besteht nicht nur in dessen ideologischer Mobilisierung, sondern auch durch politische Lethargie. Den Ausgangspunkt für seine Gegenthese bildet das obengenannte Zitat der Anthropologin Margaret Mead.
Noch nichts über die Weihnachtstage geplant? Statt sich das 34. Mal "Last Christmas" anzuhören, könnte auch ein spannender neuer Podcast entdeckt werden. Meine Empfehlung sind die Reith-Lectures der BBC unter: https://www.bbc.co.uk/programmes/b00729d9/episodes/downloads.
In diesem Artikel fasse ich die Thesen der zwei mittleren Vorträge zusammen. Wer den einführenden Text kann das gerne auf dieser Webseite nachholen. In einem abschließenden Text werde ich mich noch dem letzten Vortrag und der kritischen Reflexion widmen. Das perfekte Material um am Weihnachtstisch zu glänzen.
Florence Nightingale revolutionierte die Krankenpflege, Emmeline Pankhurst führte die Suffragettenbewegung an, Norman Borlaug rettete durch die Grüne Revolution Millionen vor dem Hungertod. Alle drei teilten drei Eigenschaften: eine klare Vision, eine skalierbare Strategie und außergewöhnliche Persistenz. Dabei handele es sich nicht einfach um eine Wiederholung der „Great Man Theory“, also als eine Personalisierung struktueller historischer Vorgänge. Bregman akzeptiert die Bedeutung von Strukturen, besteht aber auf zwei oft unterschätzten Faktoren: Kontingenz, die zum Teil auch aus unerwarteten, nicht-determinierten Entwicklungen besteht und Agency – die reale Handlungsfähigkeit von Individuen und Gruppen.
Der Abolitionismus als historisches Wunder
Im Jahr 1787 war Sklaverei ein hochprofitables Geschäft. Das prosperierende England war nicht gerade ein Ort moralischer Höhenflüge. George IV. selbst war ein notorischer Trinker, Spieler und, in Bregmans Worten, ein „Arsch“. London galt als „sex capital“ Europas, öffentliche Gewalt war alltäglich. Warum begann ausgerechnet in dieser Zeit eine moralische Revolution? Bregmans These lautet: „The iron of history is softest when the center is weakest.“ Wenn etablierte Ordnungen schwächeln, wenn Zynismus die Eliten lähmt, öffnen sich Räume für radikale Veränderung.
Nur in England entstand eine breite gesellschaftliche Bewegung gegen die Sklaverei – weder in Deutschland, noch in Frankreich, noch in der Heimat des niederländischen Historikers. Was Bregman „Historical Accident“ nennt, ist die erstaunliche Tatsache, dass England die teuerste moralische Anstrengung der Menschheitsgeschichte unternahm: die jahrzehntelange militärische Blockade der afrikanischen Küste zur Unterbindung des Sklavenhandels. Diese Kampagne wurde nicht von Intellektuellen oder Philosophen vorangetrieben, sondern von ambitionierten Händlern und evangelikalen Gläubigen – eine unwahrscheinliche Koalition.
Thomas Clarkson war zunächst ein einfacher, aber ehrgeiziger Student, der 1785 einen Essay-Wettbewerb gewann. Die Frage lautete: „Ist es erlaubt, andere Menschen zu versklaven?“ Clarkson schrieb eine brillante Abhandlung, angetrieben wurde er jedoch nur durch das Ziel der intellektuellen Anerkennung und nicht aus persönlicher Überzeugung. Doch nach der Veröffentlichung stellte er sich eine Frage, die sein Leben verändern wird: Die Logik meines Arguments ist unwiderlegbar, aber wer setzt diesen Gedanken nun um?
Clarkson wird zum ersten hauptamtlichen Menschenrechtsaktivisten der Geschichte. Er ritt 35.000 Meilen durch das Vereinigte Königreich, gründete Hunderte lokaler Komitees, sammelte Beweismaterial über die Gräuel des Sklavenhandels und riskierte dabei wiederholt sein Leben. Sklavenhändler versuchten mehrfach, ihn zu ermorden. Mit 33 Jahren erlitt er einen Zusammenbruch, entwickelte schwere Redeangst, ist ausgebrannt. Doch zu diesem Zeitpunkt stand die Bewegung bereits auf eigenen Füßen.
Hier liegt für Bregman eine zentrale methodische Einsicht für die Geschichtswissenschaft. Als Historiker werden wir darauf trainiert, primär nach strukturellen Ursachen zu suchen. Aber Personen haben einen riesigen Einfluss. Dies bedeutet nicht, Strukturen zu ignorieren, sondern ihre Formbarkeit durch menschliches Handeln anzuerkennen.
Eine positive Sicht auf „Practice what you preach“
Als Historiker, der über diese moralischen Revolutionen schreibt, empfindet Rutger Bregman einen moralischen Neid. Menschen sollten Reformer nicht nur bewundern, sondern ihnen nacheifern wollen. Dennoch stellt der Niederländer fest, dass im Hinblick auf die Historie nicht immer eine tiefe innere Passion oder brennende Überzeugung benötigt wurden. Studien über Widerstandskämpfer gegen die Nazis zeigten, dass der wichtigste gemeinsame Faktor war, dass sie von anderen angesprochen wurden. Bregman verweist auf eine literarische Analogie: Frodo in Tolkiens „Herr der Ringe“ hatte keine innere Mission, die ihn nach Mordor trieb – er bekam die Aufgabe von Gandalf zugewiesen und nahm sie widerstrebend an. Moralischer Mut entstehe oft nicht aus Passion, sondern aus Verantwortungsgefühl gegenüber anderen.
A Conspiracy of Decency
„Only a crisis, actual or perceived, produces real change. When that crisis occurs, the actions that are taken, depend on the ideas that are lying around. That I believe is our basic function, to develope alternatives to existing policies, to keep them alive and available until the political impossible becomes the politically inevitable.“
Milton Friedman
Bregman beginnt seinen dritten Vortrag mit einer bewussten Provokation: Verschwörungen existieren tatsächlich. Allerdings findet ein Historiker/eine Historikerin sie meist nicht in der paranoiden Form, die QAnon und ähnliche Bewegungen propagieren. Vielmehr sind es „small groups with big ideas“, die im Verborgenen arbeiten, Netzwerke aufbauen und über Jahrzehnte hinweg gesellschaftliche Transformation vorbereiten. In diesem Sinne sind wir alle Erben von Verschwörungen, die bereits in Gang gesetzt wurden. Frauenrechte, Demokratie und soziale Gerechtigkeit sind unvollendete Projekte. Doch nicht alle Verschwörungen sind so gut, wie die hier aufgelisteten.
Vor seinem offengelegten Hintergrund als „old fashioned social democrat“ skizziert Bregman als ein Positivbeispiel von Verschwörungen die Fabian Society, eine kleine Gruppe britischer Sozialisten, die sich in den 1880er Jahren gründeten. Die Gesellschaft wurde benannt nach dem römischen Feldherrn Fabianus, der über lange Manöver Hannibals Armee mürbe machte und schließlich besiegte. Ebenso sahen die Mitglieder der Gesellschaft ihre eigene Mission, die sie in einem Manifest veröffentlichten. „Socialism would not conquer Britain by storming the gates of capitalism, but by slipping quietly through the back door.“ Passend dazu war ihr Symbol die langsame, aber unbeirrte Schildkröte. Das bevorzugte Medium dieser Gesellschaft waren Vorträge einer intellektuellen Elite (Mitglieder waren z.B. H.G. Wells, Emmeline Pankhurst und Bertrand Russell). Die Fabian Society bestand nicht aus Arbeitern; das zeigt sich an der Wahl ihres bevorzugten Mediums und auch bei der übrigen Ästhetik dieser Bewegung. Sie schrieben zwar in einfacher Sprache, verwendeten aber anspruchsvolles, teures rotes Papier für ihre Publikationen und vermarkteten ihre Ideen mitunter auch durch anspruchsvolle Konferenzen und glamouröse Partys.
Entscheidend war ihr „langer Marsch durch die Institutionen“: Sie sprachen gezielt die Bürokraten von morgen an – Studenten an Elite-Universitäten, junge Beamte, aufstrebende Politiker. Sie wollten nicht die Massen mobilisieren, sondern die Schaltstellen der Macht besetzen. Dieser Ansatz erwies sich als außerordentlich erfolgreich. Viele Elemente des britischen Wohlfahrtsstaates gehen auf die Fabian Society zurück.
Die Verschwörung der Fabian Society wurde schließlich Opfer einer weiteren Verschwörung, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der Schweiz ausging. Die prominenten dieser Verschwörung hießen Milton Friedman und Friedrich Hayek. Beide waren marktradikale Ökonomen und gelten als Begründer des Neoliberalismus. Das zu Beginn genannte Zitat ist der Ausgangspunkt des Denkens für 1947 gegründete Mont Pèlerin Society. Die Strategie bestand darin, bereits in der Gegenwart Pamphlete, Gesetzentwürfe und Politikpapiere zu schreiben, um sie in Krisen, in denen Entscheidungsträger verzweifelt nach Lösungen suchen, an die betreffenden Politiker weiterzuleiten. Genau dies geschah in den 1970er Jahren (Ölkrise, Stagflation) und erneut 2008 (Finanzkrise). Das Programm ist immer das Gleiche: Deregulierung, Privatisierung, Globalisierung, Schwächung der Gewerkschaften, Kürzung sozialer Leistungen. Auch die Folgen sind immer die Gleichen: Ausgehöhlte Gemeinden, explodierende Ungleichheit, Finanzkrise, ökologische Zerstörung, moralischer und intellektuelle Bankrotterklärungen. Die neoliberale Ideologie wirke nach und beschränke die Vorstellungskraft für Lösungen moderner Probleme durch eine Rhetorik der Alternativlosigkeit, gezielten Vergessens und Technokratismus.
Die Gemeinsamkeiten
Beide Bewegungen – Fabians und Neoliberale – teilten drei Eigenschaften: Kohärenz (eine klare, in sich stimmige Weltsicht), Überzeugung (unbeirrbare Gewissheit der eigenen Mission) und Strategie (ein durchdachter Plan zur Machterringung). Beide entwickelten eine Geschichte darüber, was schiefgelaufen war und was als Nächstes passieren sollte. Beide bauten Gegen-Eliten in Institutionen auf. Beim Hören fiel mir Arne Semsrott ein, der in Deutschland aktuell vergleichbares leistet. Der Gründer von FragDenStaat, erkämpft systematisch Transparenz in deutschen Behörden und richtet sich mit seiner politischen Botschaft primär an Verwaltungskräfte. Dennoch hat Semsrott vor sich einen langsamen, mühsamen, aber letztlich institutionenverändernder Prozess. Aktuell ist die Krise in wirtschaftlicher, ökologischer und demokratischer Hinsicht wieder da. Das Eisen der Geschichte sei heiß, formbar. Es fehle nur an der organisierten Vision.
In diesen Vorträgen lieferte Bregman zentrale Begriffe um Gegenwart und Vergangenheit zu deuten. Seine Vorlesungen sind zugleich ein Appell an unser Fach: Geschichte nicht nur zu analysieren, sondern als „Reservoir der Hoffnung“ zu verstehen – als Dialog mit der Vergangenheit, der uns hilft, die Gegenwart zu gestalten.
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