„A Time of Monsters“ – Rutger Bregmans BBC Reith Lectures 2025 über moralische Revolutionen 1/3

Rutger Bregman, Reith Lectures 2025. Quelle: WikiCommons

Rutger Bregman ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Historiker. Er bekleidet zwar keine Professur, erlangte aber mit seinen Thesen eine große mediale Öffentlichkeit. Seine Bücher, von denen er das erste bereits mit 25 schrieb, liegen derzeit in jedem deutschen Bücherladen aus. Im November und Dezember 2025 war der niederländische Historiker Referent bei den jährlichen BBC Reith Lectures. Sie sind benannt nach dem ersten Direktor der BBC und gelten als eine der prestigereichsten intellektuellen Plattformen im englischsprachigen Raum. Seit 1948 lädt die BBC jährlich herausragende Persönlichkeiten ein, um in einer Vortragsreihe bedeutende gesellschaftliche Fragen zu beleuchten. Frühere Vortragende waren unter anderem der Physiker Stephen Hawking, der „Vater der Atombombe“ Oppenheimer und die Schriftstellerin Hilary Mantel.

Noch nichts über die Weihnachtstage geplant? Statt sich das 34. Mal "Last Christmas" anzuhören, könnte auch ein spannender neuer Podcast entdeckt werden. Meine Empfehlung sind die Reith-Lectures der BBC unter: https://www.bbc.co.uk/programmes/b00729d9/episodes/downloads.
In diesem Artikel gebe ich eine Einführung in das Denken von Rutger Bregman und fasse die Thesen des ersten Vortrags zusammen. Darauf folgen im nächsten Text die übrigen Vorträge. Abschließend will ich mich noch in einem eigenen Text der kritischen Reflexion widmen. Das perfekte Material um am Weihnachtstisch zu glänzen.

Die Auswahl Bregmans unterstreicht die Relevanz seiner Arbeit: Der 37-jährige Autor von Beststellern wie „Utopia for Realists“ und „Humankind: A Hopeful History“ (in 46 Sprachen übersetzt, über zwei Millionen verkaufte Exemplare) hat sich international einen Namen als jemand gemacht, der unbequeme Fragen stellt. Deshalb blieb auch die diesjährige Reith Lecture nicht von Kontroversen befreit. Die BBC entfernte aus rechtlichen Gründen eine Passage, in der Bregman Donald Trump als „den offenkundigsten korrupten Präsidenten der amerikanischen Geschichte“ (Quelle: Spiegel) bezeichnete. Die Ironie: Bregmans Vorlesungsreihe trägt den Titel „Moral Revolution“ und kritisiert genau jene Feigheit von Eliten, die sich autoritären Machthabern beugen. Aufgrund der Relevanz von Bregmans Thesen, ist dieser Artikel eine Hörempfehlung. Die vierteilige Vorlesungsreihe ist kostenlos auf Spotify und auf der Seite der BBC verfügbar.

Thesen der Vorlesungsreihe

Bregmans vier Vorträge wurden an verschiedenen Orten im Vereinigten Königreich und in Stanford vor einem Live-Publikum vorgetragen. Die Vorträge mit den ansprechenden Titeln „A Time of Monsters“, „How to Start a Moral Revolution“, „A Conspiracy of Decency“ und „Fighting for Humanity in the Age of the Machine“ entwickeln eine zentrale Argumentation: Die dringendste Transformation unserer Zeit ist weder technologisch noch geopolitisch, sondern moralisch. Als Sohn eines Pastors strukturierte Bregman die Vorträge wie eine Predigt, also bestehend aus einer Beschreibung der Gegenwart (Misery), der Vorstellung der Erlösung (Redemption) und dem Umgang des moralischen Erbes der Vergangenheit (Thankfulness). Der Niederländer bleibt nicht bei der Diagnose; aus der Analyse der Vergangenheit zieht er die Handlungsanweisung: Kleine Gruppen hartnäckiger Menschen mit Vision, skalierbarer Strategie und Persistenz können die Welt verändern.

A Time of Monsters

„The old world is dying, the new world struggles to be born. Now is the time of monsters.“
Antonio Gramsci

Für den Einstieg zur Beschreibung der „Misery“ zieht Bregman große historische Parallelen. Die Vereinigten Staaten erinnern ihn an das spätrömische Reich, wie Edward Gibbon es in seinem monumentalen Werk „Decline and Fall of the Roman Empire“ beschrieb. Gibbon identifizierte drei zentrale Verfallserscheinungen: Feigheit, Korruption und sadistische Herrschaft. Diese Trias findet der 37-Jährige in der gegenwärtigen amerikanischen Elite wieder. Anwaltskanzleien, die jahrelang korrupte und illegale Geschäfte verteidigt haben, schwören nun Donald Trump die Treue. Ist dies opportunistische Feigheit oder kalkulierte Machtlogik? Für Bregman verschwimmt diese Unterscheidung – die Loyalität gelte stets Macht und Geld, nie Prinzipien. Elite-Universitäten fungieren in diesem System als „Bermuda-Dreieck des Talents“: Junge Menschen kommen mit dem Wunsch an, die Welt zu verändern und landen doch bei McKinsey. Empirische Studien untermauern seine These: Unter Erstsemestern ist Geldverdienen inzwischen wichtiger als die Entwicklung einer sinnstiftenden Lebensphilosophie. Der statistische Befund, dass die sogenannten Bullshit-Jobs, also Tätigkeiten ohne erkennbaren gesellschaftlichen Nutzen, im privatwirtschaftlichen Bereich dreimal höher als im öffentlichen Bereich sind, unterstütze die Skepsis in das Ausbildungsmodell von Eliten.

Die Meritokratie in westlichen Demokratien sei ersetzt durch ein „Survival of the Shameless“. Damit meint Bregman, dass Schamlosigkeit, Unseriösität und Feigheit strukturelle Vorteile genießen. Besonders scharf rechnet Bregman mit dem sogenannten „Conscious Capitalism“ ab. Für den Historiker ist die Vorstellung, dass Unternehmen durch Wokeness und Diversitätsprogramme soziale Verantwortung übernehmen, eine Fassade. Unterhalb der Oberfläche sei die kulturelle Strömung in die entgegengesetzte Richtung gegangen.

Während die USA dem dekadenten Rom unter Caligula gleiche, ist Europa vergleichbar mit dem Venedig des 14. Jahrhunderts – einst meritokratisch und offen, dann durch die „Serrata“ (1297) monopolisiert und dynastisch erstarrt. Venedigs Wirtschaftsmodell wandelte sich von Innovationen zu Rentengeschäften (rent-seeking) – dem Abschöpfen von Gewinnen durch Privilegien statt durch Wertschöpfung. Während die USA „Power Industries“ besitzen, gründe Europa sein Wirtschaftsmodell primär auf Luxusgütern und Rentengeschäften.

Politisch inszeniere sich die EU als „Moralweltmeister“, schweige aber zu israelischer Brutalität in Gaza und behandle Migration, als sei sie eine Naturkatastrophe statt eine politische Herausforderung. Selbst die linke Alternative bleibe ohne überzeugende Vision: Die Degrowth-Bewegung benenne zwar wichtige ökologische Probleme, sei aber technologie- und wohlstandsfeindlich und habe sich vom politisch besonders wirkmächtigen Konzept des Fortschritts abgewandt.

Es könnte schlimmer werden…

Doch Bregman belässt es nicht bei historischen Analogien. Er warnt explizit: Es könnte schlimmer werden als im Römischen Reich oder in Venedig, denn die Faschisten seien zurück. Ebenso wie Genozid-Forscher die Geschehnisse in Gaza eindeutig klassifizieren könnten, so könnten Faschismus-Forscher die Zeichen dessen identifizieren, was gerade aufsteige. Als Beispiel nennt er Michael Antons Konzept des „Red Caesarism“ – eine Herrschaftsform zwischen Monarchie und Tyrannei. Wer solches fordere, wisse um seine Unbeliebtheit und setze auf Apathie als Ermöglichungsbedingung für einen Putsch nach leninistischem Vorbild.

Das Ergebnis dieser Entwicklungen sei eine „Meritokratie der Ambitionen ohne Moral“ – ein System, in dem Ehrgeiz und Talent nicht fehlen, aber jegliche ethische Orientierung verloren gegangen ist. Der vorherrschende Zynismus manifestiere sich in zwei Glaubenssätzen: Macht ist zwangsläufig korrupt, und Tugend ist bloße Performance. Gegen diese doppelte Kapitulation fordert Bregman eine moralische Revolution.

Dieser ersten Vortrag bietet einen guten Einstieg in Bregmans Denken. Wer bis zu dieser Stelle gelesen hat, sollte sich die Reith Lectures auf jeden Fall anhören oder die Artikel zu den weiteren Vorträgen durchlesen.

Über Nils Dahle 16 Artikel
Studiere Geschichte im Vollfach seit 2021, mittlerweile im Master Public History. Meine Themenbereiche insgesamt sehr heterogen mit besonderem Schwerpunkt auf Wissensgeschichte, Bremer Stadtgeschichte und den Reformbewegungen der Kaiserzeit. Redakteur der Website

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